Er war stolz.
Und er war Ungar.
Das waren damals Synonyme.
1956 geflohen, hat er sich so richtig etwas aufgebaut bei uns. In den 70er Jahren, als sein perfekt gepflegter Schnauzbart wieder tadellos in die Zeit gepasst hat, hat sein Geschäft, heute würde man Business sagen, so richtig floriert.
Er war Privatdetektiv.
Und er hatte seine eigene Detektei.
Genauer gesagt war das eine Detektei und Auskunftei. Sowas gibt’s heute nicht mehr. Detektive überprüfen maximal irgendwelche Schweinereien bezüglich der wirtschaftlichen Lage und keine das außereheliche Bett betreffend. Auskünfte holt man sich in fragwürdiger Qualität aus dem Internet oder von der AI. Eier gibt’s vermehrt zu Ostern.
Mitten in der Atmosphäre der orange-braunen Meublage hat er erzählt von großen und kleinen Namen, größeren und kleineren Affären, stolz wie man so ist als eigener Herr im eigenen Unternehmen.
Das Büro war so richtig ungarisch-adelig-stilvoll. Braunes Leder, indirekte Deckenbeleuchtung, knarrender Fischgrätparkett im teuer gemieteten Palais in der Innenstadt. Die verlangen ordentlich, die schwoazen Briada, hat er gesagt, immer mit diesem weichen ungarischen Akzent, den er ein Leben lang mit sich rumgetragen hat.
Genauso wie die Maßkleidung, pass auf, hat er gesagt, die Maßsakkos erkennt man an der Stichgröße, große Stiche, heißt Sakko nach Maß. Weiter drunter waren Maßhemden. Die haben sein Monogramm getragen, das war im Preis inbegriffen. Genauso wie die zwischen den Zähnen zerbissenen Flüche meiner Mutter, die besagte Leinenhemden am Herd mühevoll ausgekocht und dann ewig fürs Glattbügeln gebraucht hat.
Betont hat er immer das a beim Sakko, scheinbar ein ungarisches Sprachüberbleibsel.
Bleibend war auch die Krawatte, nobel mit dem aufwendigen Doppelknoten gebunden und das Stecktuch im passenden Seidenstoff hat immer in der gleichen Länge aus der Sakkotasche rausgelugt.
Ich kann heute noch Krawatten binden, das hat er mir gezeigt. Genauso wie er mir die Grundlagen des Unternehmertums beigebracht hat, stilvolles Auftreten, ungarischer Charme, küss die Hand, korrekt die Luft über der Hand küssend, immer mit Haltung, egal wie die Geschäfte gelaufen sind.
Er war Ungar.
Und Österreich-Ungar.
Er war mein Vorbild.
Wer sich jetzt wundert, warum ich an dieser Stelle über meinen Stiefvater schreibe, er ist einer der Menschen, die mich geprägt haben. Wenn Sie mehr wissen wollen, über mich und wie ich geworden bin, was heute einen Teil von Korax ausmacht, lesen Sie weiter, denn das bin ich.
