Ilja Steffelbauer

Wenn mein Vater mir etwas beibringen wollte, begann er immer mit demselben Satz: „Schau her, Bua, so geht des!“

Mein Vater hatte Schlosser gelernt, in der niederösterreichischen Landgemeinde – wo später auch ich aufgewachsen bin – in der zweiten Hälfte der 1950er, in der damals noch Verstaatlichten.

In der später nicht mehr Verstaatlichten ist er dann als „Abteilungsleiter Arbeitsvorbereitung und Tarifkoordination“ – so hieß das damals noch – über 45 Arbeitsjahre später in Pension gegangen. In diesen 45 Jahren hat er sich weitergebildet, aus der Werkhalle ins Einzelbüro.

In die Werkhalle hat er mich dann jeden Sommer während meines Studiums geschickt: Lackiererei, Presserei, Motorblockfräserei, Semi-Knocked-Down Expedit. Dort habe ich den Satz dann wieder gehört: „Schau her, Bua, so geht des!“

Jeden Sommer habe ich bei Null angefagen und von Männern gelernt, die wussten was, wie und warum sie machten, was sie machten; lang bevor ich gelernt habe, dass eine sowjetische Tätigkeitstheorie1 – verkürzt, verdreht und anglisiert als: What? How? Why? – auf Umwegen den Eingang in moderne Managementcoachings2 gefunden hat.

Was gemacht werden muss, lernte man durch zusehen.
Wie es gemacht werden muss, durch Selbermachen und Fehler.
Warum das (genau) so gemacht werden muss, bekam man vor allem dann erklärt, wenn man solche Fehler unvermeidlich machte.

Was ich in der Werkhalle gelernt habe, war genau zuzusehen; Leuten, die wussten, was sie taten, und genau zuzuhören, wenn sie darüber redeten, warum sie es genau so machten; außerdem: selber zu machen, Fehler zu machen, die Konsequenzen von Fehlern zu verstehen und aus ihnen zu lernen.

Dazwischen habe ich studiert: Geschichte, wo man lernt, dass Menschen selten wissen, was sie tun3. Anthropologie, die einem erklärt, warum sie trotzdem glauben, sie wüssten, warum sie tun, was sie tun4. Altgriechisch, für die Philosophie und das Drama, die darüber reflektieren, warum alle meinen, sie müssten tun, was sie tun5. Systemtheorie und Makrosoziologie, die mir dann begreiflich gemacht haben, warum wir alle das glauben müssen6. Und etwas Didaktik, denn irgendwie muss allen schließlich beigebracht werden, was zu tun ist7.

Die Themen haben sich im Laufe der Jahre verzweigt: Griechische Hopliten in ihren Schlachtreihen. Germanische Heerkönige im Dienste Roms. Europas Aufbruch in die Moderne. Theorie der Arbeit. Entstehung des Staates. Geschichte der Landwirtschaft und Ernährung. Transdisziplinäre Wissensintegration. Agroökologie in Afrika. Zukunft des ländlichen Raumes. Unternehmerische Nachhaltigkeit.

Die Fragen sind dieselben geblieben:
Was machst du da?
Wie machst du das?
Warum machst du das?

Und die Methode ist dieselbe geblieben:
Zuschauen.
Selber machen.
Fehler machen.
Lernen.

Das ist mein Beitrag zu Korax.

  1. A.N. Leontiev: Activity, Consciousness and Personality. Englewood Cliffs, New York 1978. ↩︎
  2. S. Sinek: Start with Why: How Great Leaders Inspire Everyone to Take Action. New York: Portfolio/Penguin, 2009. ↩︎
  3. T. Simon: Humans: A Brief History of How We F*cked It All Up. Hanover Square Press, Toronto 2018. ↩︎
  4. M. Harris: Why nothing works: The Anthropology of Daily Life. Touchstone, New York 1987. ↩︎
  5. Aristoteles: Poetik. Übersetzt und erläutert von Arbogast Schmitt (= Aristoteles, Werke in deutscher Übersetzung, Band 5). Akademie-Verlag, Berlin 2008. ↩︎
  6. S. Beer: Designing Freedom. John Wiley & Sons, New York 1974. ↩︎
  7. J. Dewey: Experience and Education. Touchstone, New York, 1997. ↩︎

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